Gastbeitrag: „Mutigen gehört die Welt!“

Schon lange wollte ich auch ein Teil zu deinem Blog beitragen, als dein Mann, als dein Freund, als Kerl an deiner Seite, der mit dir diesen unglaublich Sprung über viele Ozeane springt, aber dann wurde mir immer klar, dass du diesen Weg ans andere Ende der Erde bislang nur alleine gewagt hast und all deine Taten bislang nur bunte Theorie für mich sind.

Jetzt ist es soweit, jetzt komme ich, jetzt sitze ich hier nach check-In, security-check und Passkontrolle. Jetzt darf ich endlich zu dir, meine Arbeit hier ist fertig, an den verschiedenen Filmsets und auf “nicht-mehr-unserem” Boot. Der Container ist geschlossen, mein Koffer ist gepackt, der Tag beginnt, ein neues Leben beginnt und alles was jetzt noch hier, in der alten Welt, übrig blieb, wird nicht mehr angefasst, zumindest nicht mehr von mir.

Es ist hell draußen, hell und kalt. Heute Morgen vor dem Aufstehen war es auch schon hell und kalt und in mir unruhig. Die Katzen schlummerten neben mir. Ich schaue sie an, möchte mich noch ein letztes Mal so richtig sattsehen an den kleinen Fellnasen. Es gelingt mir nicht. Sie wissen noch nicht, dass wir uns nicht mehr sehen werden, zumindest sehr lange nicht mehr. Werden sie mich je wieder erkennen?

Alles ist so unwirklich für mich wie alles was in den nächsten Tagen geschehen soll. Die schlummernden Fellnasen werden es gut hier haben, bei unserer Anja, unserer langjährigen Mitbewohnerin und Freundin. Der guten Seele. Das ist sie wirklich, ich habe es oft auf die Probe gestellt und sie war immer da und blieb. Wie oft hat sie mich gerettet, wie oft hat sie mich aufgefangen. Danke, Anja, Danke für alles und vor allem, dass du meine, und jetzt deine Katzen im Arm halten wirst wenn sie irgendwann gehen werden und sie dann Angst bekommen. Danke, dass du sie bis dahin begleitest, sie ernährst, sie streichelst und mit ihnen sprichst. Die Katzen, Smartie, Perlchen, Magalie, Fupsi und Munky sind meine Familie hier gewesen und meine Freunde. Mit ihnen habe ich viel Zeit verbracht und viele schöne Stunden erleben dürfen. Stunden, die ich nie vergessen werde. Irgendwie werd ich das Gefühl nicht los, sie zurück zu lassen, sie im Stich zu lassen. Anja ist da, Anja passt auf, Anja hat sie im Arm.

Ansonsten wird mir Berlin nicht fehlen. Berlin, gib mir was mir zusteht, dann gehe ich. Goodbye verrückte Stadt. In dir bin ich groß geworden, du warst wie meine Mutter, ich habe mit dir viel gefeiert und bin in manch harter Nacht auf deinem Pflaster zum liegen gekommen und wieder aufgewacht. Wir sind zusammen um deine Häuser gestrichen, in dir habe ich viel gelacht, geweint, hier wurde ich betrogen, erschüttert und hab mich wieder eingefangen. Hier habe ich zweimal geheiratet und meine Karriere gelebt.

Danke für deine Zeit, danke aber auch, dass ich sie überstanden habe. Wir beide hatten einen guten Lauf zusammen, nun fehlt mir allmählich der Atem für dich. Ich habe wirklich gedacht, ich hätte es hier geschafft. Ich dachte ich bin hier etwas geworden. Du kommst auch ohne mich gut aus. Wer hat nochmal gesagt “nichts ist in Berlin so beständig wie die Veränderung”? Recht hat er. Berlin, du warst lange mein Heiliges Reich, meine Burg, mein Hafen auf den ich stolz war. Du bist dreckig und schroff und im Sommer eigentlich doch ganz schön. Du hattest mich in deiner Hand, hast jeden Cent von mir bekommen und hast dann wieder locker gelassen. Goodbye Berlin! Ich hab euch allen oft beigestimmt, dass es schwer ist Berlin zu verlassen und wie schön es hier ist, aber das habe ich im Herzen nur gesagt um euch ein gutes Gefühl zu euerer Heimat zu geben. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, habe hier 41 Jahre gelebt und will seit langem weg. Früher war es Los Angeles, zwischendurch Italien, Kroatien, dann wieder Italien als Hausmeister von Uli Tukur’s Weinberg, dann die Azoren und Gomera und dank Lisa, meiner großen Liebe, wird Neuseeland nun wirklich meine neue Heimat.

Und wie ich mich darüber freue, ich habe kein weinendes Auge, im Gegenteil ich halte es hier nur noch schwer aus. Ich sehe in dieser Stadt inzwischen nur noch seine grauen und schmutzigen Stellen, früher fand ich das charmant heute nervt es nur noch. Ich mag all die guten Menschen, die hier leben, ich mag meine Freunde sehr hier in dieser großen kleinen Stadt. Ich habe zwei sehr besondere Menschen kurz vor meiner Abreise kennenlernen dürfen, die ich gerne mitgenommen hätte. Thomas und Benni, ihr seid wirklich tolle ganz wunderbare Menschen. Danke für die viel zu kurze Zeit die wir noch gemeinsam hatten.

Auf eins möchte ich euch alle aber noch hinweisen, was mir besonders in den letzen Wochen aufgefallen ist. Es macht sich eine Angst in Berlin breit. Eine oder viele kleine Ängste – lasst das nicht zu. Bleibt mutig! Bleibt offen! Ich persönlich will weg von dieser Angst oder diesen kleinen Ängsten, die viele hier mit sich täglich rumtragen. Angst vor Ärger, den man bekommen könnte, Angst krank zu werden, Angst nicht genug zu haben, Angst vor der Zukunft. Man versichert sich, lieber zu viel als zu wenig, man schließt Türen besser fünfmal und gleichzeitig zu, man cremt sich ein, man hat nicht mehr nur abends Pfefferspray dabei und man trinkt lieber nichts mehr, weil man ja noch fahren muss.

Ich habe meine Koffer gepackt und lass vieles hier, auch diese Ängste. Ich hoffe ich vergesse auch irgendwann meine eigene angeborene typisch deutsche “Angst-vor-allem”, ich möchte sie nicht mehr haben, ich brauch sie nicht mehr. Ihr braucht sie auch nicht. Ihr müsst nicht selbst nach Neuseeland kommen, ihr müsst euch nicht mit unseren Schritten vergleichen und Gründe finden warum Ihr in Deutschland bleibt, aber bitte bitte lasst euch von unserem bisschen Mut und Offenheit anstecken und lebt. Trinkt auf Lisa und Ben und verschließt ab und an mal heimlich die Tür nicht ganz. Es tut euch gut. Ihr lebt!

Auf der Südinsel Neuseelands gibt es eine Gegend die einem lila-rosanem Meer gleicht. Lupinen soweit das Auge reicht. Erst letzte Woche ist mir dazu ein passender Absatz von Rilke in die Hände gefallen:

„Sagt dir nicht ein tief Verlangen, siehst du mich im weiten Feld stolz vor allen anderen prangen: Mutigen gehört die Welt!”

In keiner Generation waren es ängstlichen Menschen, die es nach Neuseeland verschlagen hat. Der Weg nach Neuseeland hat jeder Generation immer schon Mut und Überzeugung und Willen abverlangt. Der Weg ist weit und beachtlich. Das Land da unten ist das Land der Mutigen, das Land der Lupinen.

Viele Leute haben viele Dinge von mir, denkt an mich wenn ihr sie benutzt oder seht, Anja hat das Messer in ihrer Küche, was ich damals aus der Großküche meines Internats geklaut habe. Flo hat den Akkuschrauber, mit dem ich alles auf dem Boot auseinander und wieder zusammen geschraubt habe. Boris hat meine Kochbücher. Joachim lebt jetzt auf dem Boot. Es gibt mich nur noch in diesen Dingen, es gibt ab heute mich nur noch in euren Herzen. Alles andere lebt jetzt woanders.

Ihr guten Menschen, Ihr gehört hier auch nicht hin in diese Stadt der Angst, lasst es keine ängstliche Stadt werden, Berlin ist viel größer als das! Es war schön, dass ihr hier ward, als ich es noch war. Ich werde an euch denken und immer in mir haben. Genauso wie mein Berlin, meine Mutter aller Städte, sie wird wohl immer in mir bleiben, denn ich bin eine Berliner, ein echter. Mach es gut Berlin, Danke für alles, ich behalte deinen Schlag, aber meine Beine wollen nicht mehr mit dir laufen. Ich will dich aus dem Fenster kleiner werden sehen und es wird ein großer Schritt für mich sein. Bei dir, Berlin und bei euch wird alles weitergehen wie immer, nur ohne uns.

Ich fliege jetzt zu meiner Frau, die mich mit offenen warmen und liebenden Armen in unserem neuen Leben empfangen wird. Sie braucht mich und ich brauche sie. Bei ihr bin ich zu Hause, nicht mehr hier. Ich habe es geschafft, es ist vorbei. Ich kann mein Glück nicht fassen.

Ben.

 

Anmerkung von mir: Danke dir, mein Schatz, für deine Worte. So offen und ehrlich. Wie gut. Jetzt sitzt du gerade jetzt im Flieger und wirst in ca. 25 Stunden hier ankommen. Ich kann mein Glück nicht fassen und verstehe noch nicht ganz, dass diese 3,5 Monate in denen wir uns nicht gesehen und durch Zeitverschiebung zu festgelegten Telefonzeiten gezwungen waren, nun tatsächlich vorbei sein soll. Ich freue mich so sehr! Mein Herz tanzt!

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3 Monate.

Heute sind es unfassbare 3 Monate. Vor 3 Monaten bin ich in den Flieger gestiegen und  in ein neues Leben abgehoben.

Und da bin ich. Viel ist passiert: Ich habe einen neuen Job angefangen und oft das Gefühl gehabt, dass ich null Ahnung habe, was ich hier tue. Haha! Lustig, wieder ein Anfänger zu sein. Naja, manchmal auch nicht so lustig und eher überwältigend. Aber trotz allem sehr spannend.

Ich habe einen neuen Computer und damit auch eine englische Tastatur. Das ist ebenfalls spannend. Also nicht wundern, wenn meine zukünftigen posts wilde Tipper aufweisen. Immerhin gibt es keine Umlaute, das y und das z sind vertauscht und vom Eszett reden wir erst gar nicht.

Ich habe mir mein kleines Domizil zurechtgeschustert. Da wohne ich und bin abgesehen von gelegentlichen kleinen Unwegsamkeiten wie Überschwemmungen und tierischen Besuchern sehr happy.

Die Welt draussen hat von Sommer zu Herbst gewechselt, was hier in Neuseeland  sehr aufregend sein kann. In der kurzen Zeit hier habe ich drei Stürme, davon 1 Cyclone erlebt. So richtig beeindruckt ist hier keiner von Civil Defense Warnings die empfehlen sich für mindestens eine Woche mit Essen und Wasser einzudecken. Dann ist das eben so. Im Supermarkt merkt man dann aber doch, dass die Leute zum Hamstern neigen, aber das ist ja schliesslich offiziell verordnet! Ausserdem ist auch noch Ostern! 😉

Der Herbst zeigt sich abgesehen von ein paar Stürmen und kurzen Regengüssen von seiner wunderschönen Seite. Ich liebe es, wenn es um die 20ºC, sonnig und ein wenig windig ist. So trägt man lange Hose und T-Shirt. Oder kurze Hose und Strickjacke. Beliebig FlipFlops oder Stiefel. Alles geht, die Anzahl der Schichten macht den Unterschied. Zwiebellook für Fortgeschrittene.

An manchen Tagen fällt es mir unsagbar schwer die richtigen Worte zu finden und das Englisch sprechen erschöpft mich und zwingt mich mit einem brummenden Schädel früh ins Bett. Manchmal nervt mich das. Manchmal überhaupt nicht. An anderen Tagen ist es überhaupt kein Problem und die Worte sprudeln ungezwungen aus meinem Mund. Egal ob sie richtig oder falsch sind. Das Gute ist, dass jeder versteht was ich meine, auch wenn es vielleicht ein totales Kauderwelsch ist. Kauderwelsch – noch so ein Wort, dass ich gern benutze und das mir fehlt.

Auch wenn ich bis jetzt noch keine grossen Abenteuer unternommen habe, gefällt mir das Land und die Leute nach wie vor und immer wieder so sehr! Die Natur ist wunderbar, die Anzahl der Menschen und die Menschen selbst sind sehr angenehm und die Nachbarskatze lässt sich mittlerweile von mir streicheln. Ausserdem kann man in wolkenlosen Nächten die Milchstrasse sehen und sie wirkt so nah, dass man meint, man könnte sie anfassen, wenn man seine Hand nur weit genug gen Himmel streckt (siehe ultrakitschiges Titelbild).

Mittlerweile habe ich erste Freundschaften geschlossen,  Menschen kennengelernt und fange an ein social life unabhängig von meinen bereits bestehenden Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen aufzubauen. Das tut gut. Klingt merkwürdig, ist doch aber sehr wichtig für mich.

Unglaublicherweise sind es jetzt nur noch 10 Tage, bis mein geliebter Ehemann ENDLICH auch hier ankommt. Das ist so unfassbar, dass es noch komplett unecht wirkt. Nachdem er seinen Job in Berlin beendet hat, ist er nun damit beschäftigt, letzte Handgriffe auf unserem ehemaligen Hausboot zu erledigen, letzte Sachen in den Container zu verladen und diesen dann endgültig auf die Reise zu schicken, bevor er ebenfalls Deutschland verlässt. Eine spannende Zeit, aber auch anstrengend und ein bisschen nervtötend verständlicherweise. Es darf jetzt endlich losgehen! Die letzten Tage werden gefüllt sein mit Verabschiedungen, Abschiedsessen und Abschiedstelefonaten. Klingt ein bisschen nach abarbeiten, ist es aber definitiv nicht. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass das diesen aufregenden Prozess beschliesst, besiegelt und rund macht. Ohne das – wenn auch traurig – wäre es nicht vollständig.

Sobald der Herzensmann dann da ist, geht es richtig rund: Auto kaufen, Gegend erkunden, Häuser gucken und Auckland erobern. Ausserdem mal hier und da hinfliegen, alte Bekannte besuchen und das Land noch viel besser kennenlernen. Darauf freue ich mich unglaublich! Das wird SUPER! Und wahrscheinlich werden die nächsten drei Monate noch viel spannender und NOCH viel ereignisreicher als die letzten! Auf die nächsten drei! Und die nächsten! Und die nächsten…… Und die…………………….

Das ist keine Hecke.

Fast jedes Haus ist hier mit hohen Zäunen oder Mauern umgeben. Das ist nicht überall so. Allerdings je wohlhabender der Stadtteil, desto höher der Sichtschutz. 

Ich persönlich finde das nicht so schlimm, vor allem, wenn man direkt an einer Straße lebt, ist es wohl verständlich. Überrascht bin ich nur immer wieder über die Fantasie, die die Kiwis in der Grenzgestaltung aufbringen. 

Ich bin mir nicht sicher, ob es an meiner Kindheit auf dem Land liegt, aber es gab schon die ein oder andere Situation bei der man zwecks Abkürzung oder aufgrund zu hohen Alkoholpegels den Weg DURCH eine Hecke abgekürzt hat. Bin ich komisch? Kann sein. Egal.  Zusätzlich sind Hecken in Deutschland vielleicht 50-80cm hoch und brauchen ca. 300.000 Jahre bis sie so hoch gewachsen sind. Nicht zuletzt deswegen werden sie üblicherweise von ihren Besitzern gehegt und gepflegt. Man kann also zu fast jeder Zeit sehen, was sich dahinter verbirgt. 

Wir halten also fest: Man KANN theoretisch durch Hecken gehen. Könnte etwas kratzig sein, aber das ist auch das wildeste an diesem move. Richtig? 

Richtig. Zumindest da wo ich herkomme. HIER sieht das ein bisschen anders aus. Es empfiehlt sich AUF KEINEN FALL mit Anlauf durch eine Hecke zu preschen!!! Warum? Ich will es euch erklären:

Zum einen sind hecken hier aufgrund der Geschwindigkeit in der hier alles wächst, VIEL VIIIIEEEL höher und dichter als in Deutschland. Man kann also weder hindurch noch darüber schauen und sehen was dahinter ist. Sie erreichen je nach Pflanzenart Höhen von 6-10m. 

Der zweite Grund ist allerdings entscheidender. Das folgende Foto zeigt eine typische Hecke:


Schön, oder? Eines jeden Gärtners stolz! Dicht, grün, korrekt getrimmt. 

Das nächste Foto zeigt, was sich hinter dem trügerischen Blattwerk verbirgt:


EINE MAUER AUS BETON!!!! Ja. Bitte springt nicht durch Hecken in Neuseeland. Oder nur mit Helm. Es könnte sich eine ziemlich steinige Überraschung hinter dem üppigen Grün verstecken!!! 

Auf dem zweiten Foto sieht man links eine violette – fast schwarze Palmenart, die eine ganz besondere Schönheit ausstrahlt wie ich finde. Außerdem wurde ihr eine kleine zurückversetzte Nische in die Mauer gebaut, damit sie in Ruhe weiter wachsen und schön sein kann. Das mag ich. 

Ich finde es faszinierend wie dicht diese Kletterpflanze die Mauer bewuchert und so viel netter macht! Wär doch auch ’ne Idee für Berlin gewesen! Naja.

Es gibt kein Bier auf Hawaii.

Das ist sicherlich eine Lüge. Ich war noch nicht auf Hawaii, aber wieso sollte es da zum Teufel nochmal kein Bier geben? ÜBERALL gibt es Bier! Oder?! Nicht, dass mich das persönlich tangieren würde, ich trinke kein Bier. Aber nur mal so rein interessehalber. Das hat sich doch bestimmt so nur ein lustiger Liedermacher in Deutschland ausgedacht, um ein schmissiges Liedchen auf den Markt zu werfen. Egal.

Während der Auswanderungsplanung sind wir immer von bestimmten Dingen ausgegangen, die es in Neuseeland nicht gibt. Deswegen wurde und wird aktuell der Container, der bald verschifft wird, auch noch mit allerlei Skurilitäten gefüllt. Immer mit dem Hintergedanken, dass man es hier nicht kriegt oder es einfach 1 Mio Dollar kostet – weil importiert und/oder rar. Zum Beispiel Antiquitäten. Die gibt’s hier zwar, aber sie sind höllisch teuer und viel seltener als in Deutschland. Neuseeland ist erst knapp 200 Jahre alt und zusätzlich britisch geprägt. Wenn es also etwas gibt, dann im Kolonialstil, keine guten alten deutschen Bauernschränke oder ähnliches. Kleiderschränke werden sowieso total überbewertet. Die sind hier fast immer in den Häusern eingebaut.

Es gibt keine Eichhörnchen in Neuseeland. Das steht schonmal fest. Wir werden auch nicht versuchen sie zu importieren. Das könnte schwierig werden am Zoll. Der ist nämlich recht harsch mit seinen Einfuhrbestimmungen, was sehr viel Sinn macht meines Erachtens. Neuseeland ist eine Insel, die sich durch ihren geografischen Abgeschiedenheitsvorteil leisten kann, bestimmte Einfuhren genauer zu kontrollieren. So werden wie bereits schonmal erwähnt, die Schuhe an der Grenze kontrolliert. Alle Taschen und Koffer werden geröntgt und es werden sehr häufig Stichproben gemacht, ob die Angaben auf dem kleinen Papier, das man im Flieger ausfüllt, auch richtig sind.

Es gibt keinen Knollensellerie. Also zumindest habe ich noch keinen gesehen und meine Kiwi-Freundin konnte meine Frage danach auch nicht beantworten. Vielleicht gibt’s den hier einfach nicht so standardmäßig im Supermarkt. Vielleicht muss man dazu in ein spezielles Gemüsegeschäft gehen. Bye bye Suppengrün! Für mich eine relativ harte Erkenntnis, da ich als Vegetarier viel und gerne mit Suppengrün koche. Das gibt so schön viel Wumms. Geschmacklich gesehen.

Es gibt keine Drogerien in Neuseeland. WHAT?! wird die ein oder andere Dame daheim denken. Hab ich auch bei meinem ersten Besuch hier. Wo zum Teufel kaufe ich denn mein Shampoo und alles was ich brauche und wo kaufe ich die 25 Nagellacke, die ich nicht brauche, weil ich schon 100 habe??? In der Apotheke. Oder im Supermarkt. Oder in sogenannten Health Stores. Die sind allerdings mehr für die Pillen und Pülverchen im Rahmen der Nahrungsergänzungsmittel zuständig.

Es gibt kein IKEA, kein H&M, kein Zara und kein Mango in Neuseeland. Nnnnaja, das ist nicht ganz korrekt, da Zara und H&M sich ihren Weg in eine der Malls in Auckland gebahnt haben. Aber das war’s auch. Jeweils 1 Shop. Für ein ganzes Land. Keine immer wiederkehrenden Stadtzentren, die alle gleich aussehen und man allein von der Haupteinkaufsstraße und der obligatorischen Fußgängerzone her nicht sagen könnte, ob man in Hannover am Kröpcke oder in Castrop-Rauxel Downtown steht..

Es gibt keine offizielle Nachtruhe. Hab ich schonmal geschrieben. So wird hier Sonntags, an Feiertagen und abends fleißig am Häusle geschaffen. Außerdem sind Sonntags fast alle Geschäfte offen. Ladenöffnungszeiten, die per Gesetz vorgeschrieben sind, gibt es denke ich nicht in der Form wie wir Deutschen es gewöhnt sind.

Es gibt kein deutsches Brot (darüber werden wir Deutschen uns ewig und überall beschweren – zu Recht! Wir sind sehr verwöhnt, was die Brotqualität in Deutschland angeht). Es gibt keinen Schnaps. Also nicht diese deutschen scharfen Obstbrände, wie wir sie kennen. Nicht schlimm, aber ein bisschen schade. Dabei gibt’s hier die wildesten Obstsorten, die man ganz wunderbar zu Hochprozentigem verarbeiten könnte. Feijoia zum Beispiel. Keine Ahnung was das ist? Schwer zu beschreiben: Irgendwas zwischen Zitrusfrucht und Quitte. Sieht ein bisschen aus wie eine Kiwi ohne Haare. Man löffelt sie auch so. Innen ist sie hellgelb und schmeckt süß und sauer und fast ein bisschen parfümiert. Siehe Foto bzw. findet man hier mehr Info dazu: Der Name wird mit „brasilianische Guave“ übersetzt. Herkommen – ausprobieren.

Hier gibt es so viele andere Dinge nicht, die man ein Leben lang gewöhnt war und sie vielleicht nicht ganz zu schätzen wusste. Doch ist das schlimm? Nein. Es gibt alles was man braucht. Manchmal muss man eben nur wissen, wie es hier gehandhabt wird bzw. wo man es bekommt.

In dem Lied heißt es, dass man nicht nach Hawaii fährt und lieber „hier“ bleibt, weil es dort kein Bier gibt. Was für eine Einstellung! Well, that’s not gonna happen, honey. I’m already here. Dann trinken wir eben Wein! DEN gibt’s hier.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Active wear. IT’S A THING würde man hier sagen. ALLE tragen sogenannte active wear. Besonders an den Wochenenden kann man sportbekleidungstechnisch wohlausgestattete Damen (und auch ein paar Herren) durch’s Village walken sehen. Ja, walken. Alle walken. Walken ist das neue joggen. Jeder hat was am Knie oder gerade einen sehr komplizierten Kaiserschnitt hinter sich und da macht man dann eben Yoga und man walkt. Weil man ja aktiv sein will in seiner active wear.

Oder man kauft onelargesoyflatwhitetogonosugarspleasethankyou. Oder man kämpft sich mit drei Kleinkindern durch den Supermarkt. Oder man quatscht mit Freundinnen vor dem Restaurant an der Promenade über die letzten Still-Trends und schießt ein paar Selfies.

Das klingt jetzt etwas sarkastisch. Ich muss allerdings gestehen, dass ich Teil dessen bin! Ohne die Kinder und Kaiserschnitte, aber mit Yoga UND ACTIVE WEAR! Das hat mehrere Gründe:

  • Es gibt verdammt gute Sportbekleidung hier – alles sehr stylish und trotzdem halbwegs erschwinglich. Also weniger labbrige Jogginghose – mehr knackige Yoga Pants mit pfiffigen Sport Tops. Das kann an der richtigen Person relativ hot aussehen.
  • Ich achte weniger auf Make-up und Haartrends – die Sonne macht das schon. Man ist immer ein wenig gebräunt und die Haare haben einen freshen beach look. Da braucht man keine Schminke und auch keine sonderbaren unbequemen Outfits, um nur mal eben in den Supermarkt zu gehen.
  • Und es ist schießbequem. Isso.

Hab ich aufgegeben? Bin ich jetzt in dem Alter, indem mir mein Äußeres egal ist? Ganz und gar nicht ist meine klare Antwort darauf. Ich würde mich niemals in active wear quetschen, wenn ich nicht das Gefühl hätte, dass ich es mir halbwegs leisten kann. Ganz im Gegenteil, neue aktiv wear kann ein guter Anreiz sein, um seinem sportlichen Hobby eifrig nachzugehen. So spaziere (WALKE!!!) ich zweimal pro Woche zu meinem Yogakurs in meiner active wear und kann mir nicht vorstellen wie ich die jeweils 6km pro Strecke in Jeans und Pulli absolvieren sollte. Tja. Und weil das hier eben so ein Ding ist, gibt es ganze Videos dazu. Hier der Beweis:

Lustiges Völkchen, was? Humor ist ja bekanntlich, wenn man trotzdem lacht.

Kenn ich, kann ich.

Wie man den Trend wieder los wird? Hier gibt’s Hilfe: https://www.theurbanlist.com/auckland/a-list/how-to-ditch-your-activewear-habit-in-3-easy-steps1

 

Von außen nach innen.

Meine äußeren Umstände haben sich ja wohlbekannt dramatisch geändert, indem ich ans andere Ende der Welt gezogen bin. Nicht nur das, sondern haben mein Mann und ich auch unser geliebtes schwimmendes Zuhause verkauft. Ich habe Freunde, Familie und allerlei anderes geliebtes dort in Deutschland gelassen und bin in die Welt hinausgezogen. Manchmal fühlt sich das nach Pipi Langstrumpf an. Ich liebe Pipi. Sie ist frei und wild und wunderbar. Ich bin gerne wie Pipi. Oft bin ich es aber nicht. Denn da ist die echte Welt. Die besteht natürlich auch hier aus Alltag, Arbeit und hier und da auch eben mal der ein oder anderen Nerverei. Im Großen und Ganzen bin ich aber so Busy, dass mir das nichts ausmacht und so glücklich, dass ich mich auf keinen Fall beschweren kann. Es ist eben nur unheimlich viel passiert in der letzten Zeit.

Um meinem inneren Spiegelbild, das ab und zu eben doch mal überwältigt sein kann, und aber auch meiner vernachlässigten körperlichen Fitness gerecht zu werden, habe ich beschlossen, etwas für Körper, Seele und Geist zu tun. Nach der Hochzeit im September hab ich einfach keinen Sport mehr gemacht und wieder normal gegessen. Das eben dann auch wieder zu „Normalgewicht“ führt. Alles nicht so wild, aber eben auch nicht ganz so, wie ich es gern hätte. Egal. Gesagt, getan!

Mein erster Ausflug in der letzten Woche führte mich am Donnerstag Abend nach Ponsonby (der Prenzlauer Berg Aucklands). Hier findet man eine Filiale von Lululemon, das ist ein Active Wear Hersteller, der in seinem Laden nicht nur schicke Sportklamotten verkauft, sondern auch ab und an Yogakurse oder ähnliche Veranstaltungen abhält. Am Donnerstag gab es eine Mindfulness-Session. Ich habe das Wort zwar vorher schonmal gehört, mich aber nie tiefergehend damit beschäftigt. So starte ich direkt vom Büro aus mit einem UBER (ja, das gibt es hier und man benutzt es sehr rege) Richtung Zentrum.

Als ich an dem Shop ankomme, werde ich von fröhlich lächelnden, sehr fotogenen, Blogger-ähnlichen, sehr sportlich gekleideten Menschen in Empfang genommen. Im Raum sind dicht an dicht Yogamatten ausgelegt, Kerzen brennen und es duftet nach irgendwas Tollem. Im Hintergrund läuft leise Loungemusik. Und ich? Ich hab ’ne Jeans an. Nun ja, das wird schon in Ordnung gehen, denke ich mir und quatsche kurz mit der Gasgeberin Abby. Sie sagt keen Ding, babe. Sie sagt wirklich „babe“. BABE! ZU JEDEM!!! Ich fühle mich äußerst fehl am Platze und muss mich sehr bemühen, die Stimme in meinem Kopf zu ignorieren, die mich anschreit: „Geh! Lauf! Das ist doch Mist! Was für ein durchgestylter Haufen Instagrammer, hier gehörst du nicht hin. Zeitverschwendung!!!“

#amarsch #ihrseidallesounglaublicheso #manträgtkeinmakeupbeimsport #activewearistdieneuejogginghose #hashtag

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde erklärt Abby (so heißt das zarte Wesen) was wir heute machen:

  • Was ist Mindfulness
  • geführte Atemübung
  • Was ist Gratitude
  • leichte Yogaübung.

….Nnnnnagut.

Mindfulness beschreibt kurzgesagt die Anwesenheit des Bewusstseins im Hier und Jetzt. Man macht sich eine aktuelle Tätigkeit und Situation/einen Raum vollkommen bewusst, ohne an die Zukunft bzw. die Vergangenheit zu denken. Das kann eine Meditation, Geschirrspülen oder Kinder ins Bett bringen sein. Egal. Hauptsache man ist voll da. Ohne gleichzeitig seine Emails zu checken oder sonstwas nebenbei zu machen. Easy. Oder?

Während der Atemübung wird mir bewusst, wie schwierig es ist, den Alltag auszublenden. Meine Gedanken rauschen von rechts nach links, von gestern nach morgen und verweilen maximal ein paar Sekunden im aktuellen Moment, weil ich versuche den Faden nicht zu verlieren. Abby stellt Fragen im Monolog und leitet so durch die Übung. Wofür sind wir besonders dankbar? Was ist gut oder schlecht in unserem Leben? Wen lieben wir besonders? Wer kann genau jetzt ganz viel Liebe gebrauchen? Wer in unserem Umfeld steckt in der Vergangenheit fest und kann sich daraus nicht lösen? Wer ist zusehends mit der Zukunft beschäftigt und rennt vielleicht Dingen hinterher, die er erreichen möchte und vergisst dabei alles um sich herum? Wem möchten wir gute Gedanken schicken und was können wir für uns selbst tun? Was fehlt uns? Was macht uns traurig? Was macht uns froh? Usw.

Eine innere Stimme flüstert mir weiterhin unentwegt ins Ohr: „Was für ein Schwachsinn… Steh auf und geh. Das ist doch alles Blödsinn, das bist du nicht. Und außerdem hast du ’ne Jeans an und alle starren dich bestimmt an, während du hier albern mit deinen geschlossenen Augen sitzt und denkst du meditierst. Pfff. Was für eine Zeitverschwendung.“ Das Unterbewusstsein allerdings beantwortet die mir soeben gestellten Fragen und schickt mir zum Teil recht drastische Antworten vor mein inneres Auge. Hier und da muss ich den Kloß im Hals wegatmen oder erwische mich auch dabei, wie ich breitgrinsend mit geschlossenen Augen an eine geliebte Person denke. Ich beschließe, die griesgrämige Stimme im Kopf beiseite zu schieben und mich auf das Ganze einzulassen. Ich bin so weit gekommen, wieso nicht auch mal sowas ausprobieren. Jetzt bin ich mittendrin und es wäre wirklich scheiße jetzt aufzustehen und zu gehen. Gleichzeitig versuche ich nicht in Tränen oder auch lautes Lachen auszubrechen. Gar nicht unbedingt, weil alles so unfassbar schlimm, traurig oder lustig ist, sondern weil extrem viel Gefühl plötzlich in mir hochschwappt. Kein Wunder denke ich mir. Muss ja irgendwo hin….

Nach der Übung fragt Abby, was wir gefühlt haben. Ich sage nichts, da mir immer noch ein kleiner Kloß im Hals steckt. Zu meiner Erleichterung sagen die anderen genau das was ich denke: Es ist überwältigend sich darauf einzulassen. Und fast ein bisschen zu viel. Abby nickt verständnisvoll und sagt: „Es ist eine Übung. Man wird besser daran. Am Anfang kann es sehr überwältigend sein. Weil man es nicht gewohnt ist.“ Puh. Das tut gut zu hören. Alle stimmen dem zu und hier und da sehe ich erleichterte Gesichter.

Die Session geht weiter und endet in einer leichten und kurzen Yoga-Übung. Ich bin fasziniert von dem Einklang zwischen Bewegung und Atmung. Als Teenager habe 12 Jahre Ballett gemacht und bin mir durchaus darüber bewusst, wie sehr die richtige Atmung die körperliche Kraft und Ausdauer unterstützen kann. Ich genieße die fließenden Bewegungen und lasse mich von Abby’s weicher Stimme leiten. Hach……

Beschwingt verabschiede ich mich von der Gruppe und fahre nach Hause. Aucklands Küste bietet mir seinen allerschönsten Sonnenuntergang auf dem Weg und ich schwelge weiter in meinen Gedanken. Ich fühle mich leicht. Was für eine schöne Erfahrung. Da will ich dran bleiben. So buche ich direkt für den Samstag eine Yogastunde für Anfänger Inder Nähe von St. Heliers. Ab in den Anfängerkurs! mal schauen, was mich da so alles erwartet und ob es mir überhaupt weiterhin gefällt. Ich bin gespannt und nehme mir vor, mich wieder mit dem Thema zu beschäftigen. Bleibt dran!

Gottesanbeterin am Morgen, vertreibt Kummer und.. naja.

Da sitzt sie. Eine Gottesanbeterin. Einfach so. Auf meinem bunten Seidenkleid. Oder ist es ein er? Der Einfachheit halber nehmen wir mal an, es ist eine sie. DER Gottesanbeterin… Klingt ja doof.

Was wollte ich erzählen? Ach ja. Na da sitzt sie also, die kleine knallgrüne Gestalt. Mit riesigen Augen und grätigem Körperbau. Mein Kleid sieht ein bisschen aus, wie mit Wasserfarben in blau bis gelb angemalt. Vielleicht denkt sie es ist eine Blume? Sie hat sich bestimmt in meinen Räumlichkeiten verirrt und war total froh, dass sie endlich eine Blumenwiese gefunden hat! Schade, Mäuschen. Is nich.

Ich schaue sie mir genau an und komme ihr zwecks Beweisfotos relativ nah. Da fängt ihr ganzer Körper langsam an zu wippen. Wie ich im Nachhinein gelesen habe, imitiert sie ein Blatt im Wind frei nach dem Motto: „Ich bin gar nicht da, du kannst mich gar nicht sehen. Ich bin nur ein schaukelndes Blatt im Wind auf dieser wunderschönen Blumenwiese. So.“ Um ein kleines Schaukel-Video zu machen, rücke ich mutig noch ein Stückchen näher, da dreht sie ihren Kopf zu mir und guckt mich an, als würde sie sagen wollen „Was’n?!“ (siehe Video!).

Lustiges kleines Tierchen, aber eben auch ein bisschen ungeheuerlich. Ich murmele mir still im Hinterkopf das Mantra „es gibt keine giftigen Tiere in Neuseeland“ vor, fasse mir ein Herz, mit der anderen Hand den Kleiderbügel samt seidiger Blumenwiese und wippendem Blatt-Getier und bringe alles nach draußen.

Dort hänge ich den Bügel an die Stufen der Veranda und versuche mithilfe eines Pinsels, den ich im Abstellraum gegriffen habe, die Gute von meinem Kleid zu bugsieren. Sie guckt mich wieder an und ihr Blick sagt sowas wie „Ey!“. Sie geht EINEN Schritt zu Seite und versteht aber offensichtlich nicht, dass ich nicht möchte, dass sie auf meinem Kleid wohnt. Ich schupse nochmal. Sie geht noch einen Schritt. Ich schupse und schupse und schupse bis sie freiwillig ein paar Schritte geradeaus läuft. Noch ein kleiner Hopps, dann sitzt sie in der Wiese. Komm schon! Ein letzter beherzter Pinselschupser und da sitzt sie in ihrem eigentlichen Lebensraum. Dem Gras.

Ich nehme mein Kleid, gucke nochmal, ob nicht noch mehr lustige Tiere darauf angesiedelt haben und drehe mich nochmal um, um Frau Gottesanbeterin Tschüss zu sagen – da kann ich sie schon nicht mehr sehen. Sie ist in ihrem grünen Gewand in der Wiese verschwunden und womöglich auf der Suche nach neuen Abenteuern. Oder Seidenkleidern. Gute Reise!

Es ist nicht alles Gold was glänzt…

…nein, manchmal ist es auch der schwarz gestrichene Betonfußboden in meinem Downstairs-Domizil. Ich würde gern behaupten, dass das der Tatsache geschuldet ist, dass ich hier den Putzteufel habe raushängen lassen, aber nein, alles ist anders.

Eine Woche Dauerregen (by the way laut Wetterdienst der Heftigste seit über 100 Jahren in Auckland) hat dazu geführt, dass ich urplötzlich von Wasser umgeben war. Zuerst nur ein kleiner Rinnsal, den man angesichts der Tatsache, dass das hier eigentlich eine Garage ist, vernachlässigen kann. Dann ein kleinerer Bach, der immer noch keinen wirklichen Schaden anrichtete, weil nichts Wertvolles auf dem Boden steht und nass werden kann. Bis hin zu einem kleinen Meer unter meinem Bett, das ich erst bemerke, als ich nach einiger Zeit Serie-glotzen aufstehe.

AAAAHHH! Shit! Das Wasser ist großflächig ca. 3 cm tief und sieht mit dem schwarzen Boden darunter sehr bedrohlich aus. Nach dem ersten Schock, wate ich mit meinen FlipFlops durch den Raum und schaue, dass nicht tatsächlich irgendwas abgesoffen ist. Sieht alles ok aus, bis ich mein Laptop-Ladekabel im Wasser brutzelnd finde. Der dicke Klotz in der Mitte des Kabels (wie auch immer der heißt – ihr wisst schon was ich meine) liegt mitten im schwappenden Nass und ist kochend heiß, als ich ihn herausfische. Ich trenne alles vom Strom und nehme Stecker und Kabel mit Schutz eines Handtuchs auseinander, weil ich mir sonst die Finger verbrenne. Der verschmorte Geruch verspricht nichts Gutes. Nun ja, war ja „nur“ das deutsche Kabel. Hab mir bereits ein Neuseeländisches gekauft, ist also kein Drama.

Jut. Ick jeh dann wohl ma n Lappen holn…. Mit Mop und Eimer bewaffnet stelle ich mich dem kleinen Pool unter meinem Bett, der sich langsam in den restlichen Raum ausbreitet. Das Wasser kommt entgegen meiner Vermutung, dass es den Hang unterm Haus hinunterläuft (das Haus ist auf einem Holz-Stelzen-Gerüst gebaut und hat einen Hohlraum unter dem Fußboden), durch den Betonboden. Es drückt sich durch die Poren an die Oberfläche. Es hat so lange und viel geregnet, dass das Grundwasser so hoch ist, dass die Auckländer dazu aufgerufen wurden, weniger Wasser zu benutzen bzw. in die Kanalisation einzuleiten, da die Situation sonst schnell kippen könnte und dann alles Trinkwasser vor Gebrauch abgekocht werden muss. Soweit ist es aber noch nicht.

Einen Krampf im Bein und ca. 25 Liter Wasser später ist der Boden halbwegs trocken. Ich schnappe mir den im Haus vorhandenen Dehumidifier und schmeiße ihn an. Er zieht die Feuchtigkeit aus der Luft und sammelt sie als klares Wasser in einem kleinen Behälter. Wir wollen ja nicht, dass hier alles klamm wird.

Das war der Samstag. Leider hört es trotz guter Vorhersage weiterhin nicht auf zu regnen. Heute – am Sonntag – kommt nochmal ein ganzer Sturzbach vom Himmel und siehe da, alles wieder vollgelaufen. Jippieh. Gleiches Spiel wie gestern, Eimer, Lappen, Mop, diesmal allerdings KEIN Kabelschaden. Puh!

Nun brummt der kleine Dehumidifier neben mir, es plätschert Wasser in den kleinen Auffangbehälter und so langsam trocknet alles wieder. Und draußen kommt sogar ein bisschen die Sonne raus. Wie schön! Wir packen die Kinder ein und fahren zu meiner großen Freude nach Piha Beach. Ein schwarzsandiger Strand mit rauchen Klippen und der besten Burgerbude der Welt. Achso UND nebenbei der Strand, der auf meinen Rücken tätowiert ist. Dort angekommen, verzieht sich der Regen, die Sonne kommt raus und kurze Zeit später wimmelt es am Strand von Surfern, Kinder in Wetsuits und barfüßigen Burger-Bestellern. Geht doch! 🙂

Sonntag.

Sonntag. Wunderschöner lieber Sonntag. Ich schlafe bis 10:00 Uhr! Oh Yes. So fängt der Tag gut an. 🙂

Die Sonne scheint nicht – noch nicht. Das wird sie bestimmt noch. „Morning Cloud“ nennt sich dieses Phänomen, das dafür sorgt, dass es morgens etwas zugezogen und dafür nachmittags um so schöner und sonniger ist.

Ich stehe auf und genieße den Blick in meine neue Küche. Hihi… Ich bin ganz schön stolz auf mich. Und auf meinen Muskelkater! Aus dem Bett zu kommen war gar nicht so leicht.

Heute habe ich nichts besonderes vor und lasse mich treiben. Vielleicht später mal zum Strand, mir ein Strandtuch im Village kaufen (ja, die Geschäfte haben hier auch Sonntags offen) und ein Buch lesen. UND Blogbeiträge schreiben. 🙂

Nachdem ich mich aber doch dazu durchgerungen habe ein bisschen Hausarbeit zu machen, Wäsche zu waschen und ein bisschen aufzuräumen, starte ich einen Spaziergang to Town. Auf dem Weg dahin höre ich Musik, die je näher ich komme, immer lauter wird. Ach ja! Heute ist irgendein Laufevent und das Ziel ist in St. Heliers. Als ich ankomme, stelle ich aber fest, dass der ganze Zinober schon wieder vorbei ist und bereits der Abbau begonnen hat. So entschließe ich mich, mir NUR das Strandtuch zu kaufen und dann den Rückzug ins traute Heim anzutreten – trotz Ende der Veranstaltung viiiieeeel zu viele Menschen am Strand.

Wieder zu Hause hänge ich die herrlich duftende Wäsche auf die Leine und bemerke dabei, dass vor meiner Eingangstür unglaublich viel Unkraut wächst. Hier wächst sowieso alles wie der Teufel. Ich fasse mir ein Herz und fange an Löwenzahn und anderes Gras und Gestrüpp aus dem Boden zu zupfen. Es geht ganz einfach und so komme ich schnell voran.

Um meine Eingangstür herum wächst ein weiches grünes (Un-)Kraut, dass eher wie eine Zierpflanze aussieht. Mit klitzekleinen rosafarbenen Blüten umgibt es den Türrahmen und ich kann mich nicht dazu durchringen, es zu entwurzeln. Ich stutze es hier und da ein wenig, lasse aber den Großteil stehen.

Normalerweise bin ich gar nicht so spießig und beschäftige mich nicht mit Unkraut-zupfen. Mag daran liegen, dass ich vorher auf einem Boot gelebt habe und nur begrenzt Topf-Gärtnern konnte. Doch hier wächst es einem buchstäblich über den Kopf, wenn man nichts dagegen tut. Aber wenn sich das Grün von seiner lieblichen Seite zeigt und mir kleine rosa Blüten schenkt, dann drücke ich mal ein Auge zu. Macht mich das zu einem Unkraut-Faschisten? Auweia….

 

 

Tatendrang und Belohnung.

Hoch die Hände, Wochenende! Oh ja, es ist Wochenende, ich habe frei und obendrein auch noch sturmfreie Bude zusammen mit dem Au-Pair-Mädchen, das ihr Zimmer oben hat.

Was heißt das? Nackig auf’m Tisch tanzen natürlich! Naja fast. Ich nutze die freie Zeit, um erstmal ooooordentlich auszuschlafen. Zumindest nehme ich mir das vor. Das klappt bis genau 6:47 Uhr. Also genau die Uhrzeit, zu der ich auch unter der Woche aufstehe. Hm. Nagut, ich war auch früh im Bett….. Also beschließe ich, den Tag beim Schopfe zu packen und mit einem ordentlichen Frühstück zu starten. Toast, gekochtes Ei, Avocado und Tomate. Yum! Und ein ordentlicher Kaffee natürlich. Versteht sich ja von selbst.

Nach der Stärkung geht’s los. Es gibt große Pläne für mein kleines Reich: Ich habe eine neue Dichtung für den hier vorhandenen Kühlschrank. Damit wird er endlich nutzbar sein, was meine Unabhängigkeit ein ganzes Stück voran treibt. Meine eigene funktionstüchtige Kitchenette = Mein Ziel.

Dazu muss ich allerdings alles einmal auf links drehen, da der Kühlschrank natürlich in der allerletzten Ecke hinter sonstigem nicht-genutzten Krempel im abgeteilten Abstellraum eingebaut ist. Bei der Gelegenheit möchte ich auch direkt noch den hier in Einzelteilen gelagerten IKEA Kleiderschrank in dem Abstellraum verstauen. Also Schrank gegen Kühlschrank sozusagen. Die einzelnen Schrank-Pakete wiegen jeweils eine Tonne und ich bin allein. Das kann ja lustig werden…..

Auf geht’s! Ab geht’s! Ich fange an, allen Kleinkram aus dem Stauraum zu räumen, dies nach links, das nach rechts, noch was oben drauf und noch ein bisschen schieben und tatataaaaaaaa: KÜHLSCHRANK (*glitzer, glitzer*)! DA IST ER!  Nice. Also den Kühlschrank aus der Ecke gezerrt, den Rest drum herum gleichzeitig mit den Füßen zur Seite schiebend.

Anmerkung der Regie: Es sind fast 30°C draußen. Die Schweißperlen auf der Stirn verbinden sich zu größeren Tropfen und bahnen sich erst langsam dann immer schneller ihren Weg über die Wangen zum Kinn und fallen in salzigen Tropfen auf meinen schwarz gestrichenen Betonboden. 

Okay. Was nun. Es sieht aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Ich habe eine grobe Vorstellung wo die Kitchenette sein soll und stelle aber nun fest, dass das alles gar nicht so richtig cool aussieht, wenn ich das so hinstelle wie überlegt. Hmmmm…. Hinsetzen. Wasser trinken. Denken. Aufstehen. Schieben. Doch nicht schieben. Zu schwer. Erstmal zu Ende überlegen. Wieder hinsetzen. Weiter denken. OK.

Ich habe eine Idee und checke, ob sie funktioniert: Die Stelle an der der Kühlschrank stehen soll, ist eine alte Tür, hinter der mal eine Art Besenkammer war. Ich öffne die Tür (Oh hallo, Spinnweben!) und stelle zu meiner großen Freude fest, dass der Kühlschrank genau da rein passt. Und: Es gibt einen Stromanschluss!!! Perfekt.

Also: Tür abschrauben. Mist, Akkuschrauber ist noch im Büro. Schraubenzieher. Geht nicht. Schuhe an, zum Büro stiefeln (ca. 7 Min laufen), Akkuschrauber holen und zack zack zurück zur Baustelle. Nochmal: Tür abschrauben, Tür in Abstellraum lagern, Kühlschrank in die Lücke wuchten, anschließen, ausrichten. BÄM! Passt. Geil.

Da die Lücke in der Wand größer ist, als der Kühlschrank, beschließe ich, die hier vorhanden Holzreste so zuzuschneiden, sodass ich die Lücken um den Kühlschrank herum schließen kann. Gesagt, getan. Maßband, Stichsäge, Schrauben. YEAH! Was für ein Erfolgserlebnis! Jetzt nur noch die neue Dichtung in die Tür friemeln. Alter….. Diese Aufgabe bremst mich und meine vorherige Geschwindigkeit auf fast-Stillstand und zwingt mich MIT RUHE UND GEDULD erstmal zu kapieren wie das überhaupt funktionieren soll und es dann auszuführen. Ich überlege kurz einfach einen neuen Kühlschrank zu kaufen. ARGH! Geduld ist je bekanntlich keine meiner Stärken. Okay, atmen, 21…. 22….. 23….. puh. Geschafft.

Da steht sie. Meine kleine Küchenecke. Ich bin stolz wie Oskar, räume alle nicht benötigten Dinge wieder ordentlich zurück in den Lagerraum – inkl. des IKEA-Monsters, die restlichen Möbel an ihre Plätze, das Werkzeug wieder an seine Stelle und freue mich anschließend auf eine ausgiebige Dusche. Danach will ich gaaaaanz gemütlich zum Strand laufen und die Abendsonne genießen. Allerdings muss ich nach der Dusche feststellen, wie anstrengend die ganze Aktion tatsächlich war. Mir zittern die Knie und die Augenlider rutschen auf halb Acht. Vielleicht mache ich es mir lieber hier gemütlich. Dafür hab ich ja schließlich den ganzen Tag geackert….

Ich öffne eine Flasche kühlen Rosés aus MEINEM KÜHLSCHRANK und atme tief durch, als ich glücklich und zufrieden mein neues kleines Reich betrachte.

Und das war erst der Samstag……..