Gastbeitrag: „Mutigen gehört die Welt!“

Schon lange wollte ich auch ein Teil zu deinem Blog beitragen, als dein Mann, als dein Freund, als Kerl an deiner Seite, der mit dir diesen unglaublich Sprung über viele Ozeane springt, aber dann wurde mir immer klar, dass du diesen Weg ans andere Ende der Erde bislang nur alleine gewagt hast und all deine Taten bislang nur bunte Theorie für mich sind.

Jetzt ist es soweit, jetzt komme ich, jetzt sitze ich hier nach check-In, security-check und Passkontrolle. Jetzt darf ich endlich zu dir, meine Arbeit hier ist fertig, an den verschiedenen Filmsets und auf “nicht-mehr-unserem” Boot. Der Container ist geschlossen, mein Koffer ist gepackt, der Tag beginnt, ein neues Leben beginnt und alles was jetzt noch hier, in der alten Welt, übrig blieb, wird nicht mehr angefasst, zumindest nicht mehr von mir.

Es ist hell draußen, hell und kalt. Heute Morgen vor dem Aufstehen war es auch schon hell und kalt und in mir unruhig. Die Katzen schlummerten neben mir. Ich schaue sie an, möchte mich noch ein letztes Mal so richtig sattsehen an den kleinen Fellnasen. Es gelingt mir nicht. Sie wissen noch nicht, dass wir uns nicht mehr sehen werden, zumindest sehr lange nicht mehr. Werden sie mich je wieder erkennen?

Alles ist so unwirklich für mich wie alles was in den nächsten Tagen geschehen soll. Die schlummernden Fellnasen werden es gut hier haben, bei unserer Anja, unserer langjährigen Mitbewohnerin und Freundin. Der guten Seele. Das ist sie wirklich, ich habe es oft auf die Probe gestellt und sie war immer da und blieb. Wie oft hat sie mich gerettet, wie oft hat sie mich aufgefangen. Danke, Anja, Danke für alles und vor allem, dass du meine, und jetzt deine Katzen im Arm halten wirst wenn sie irgendwann gehen werden und sie dann Angst bekommen. Danke, dass du sie bis dahin begleitest, sie ernährst, sie streichelst und mit ihnen sprichst. Die Katzen, Smartie, Perlchen, Magalie, Fupsi und Munky sind meine Familie hier gewesen und meine Freunde. Mit ihnen habe ich viel Zeit verbracht und viele schöne Stunden erleben dürfen. Stunden, die ich nie vergessen werde. Irgendwie werd ich das Gefühl nicht los, sie zurück zu lassen, sie im Stich zu lassen. Anja ist da, Anja passt auf, Anja hat sie im Arm.

Ansonsten wird mir Berlin nicht fehlen. Berlin, gib mir was mir zusteht, dann gehe ich. Goodbye verrückte Stadt. In dir bin ich groß geworden, du warst wie meine Mutter, ich habe mit dir viel gefeiert und bin in manch harter Nacht auf deinem Pflaster zum liegen gekommen und wieder aufgewacht. Wir sind zusammen um deine Häuser gestrichen, in dir habe ich viel gelacht, geweint, hier wurde ich betrogen, erschüttert und hab mich wieder eingefangen. Hier habe ich zweimal geheiratet und meine Karriere gelebt.

Danke für deine Zeit, danke aber auch, dass ich sie überstanden habe. Wir beide hatten einen guten Lauf zusammen, nun fehlt mir allmählich der Atem für dich. Ich habe wirklich gedacht, ich hätte es hier geschafft. Ich dachte ich bin hier etwas geworden. Du kommst auch ohne mich gut aus. Wer hat nochmal gesagt “nichts ist in Berlin so beständig wie die Veränderung”? Recht hat er. Berlin, du warst lange mein Heiliges Reich, meine Burg, mein Hafen auf den ich stolz war. Du bist dreckig und schroff und im Sommer eigentlich doch ganz schön. Du hattest mich in deiner Hand, hast jeden Cent von mir bekommen und hast dann wieder locker gelassen. Goodbye Berlin! Ich hab euch allen oft beigestimmt, dass es schwer ist Berlin zu verlassen und wie schön es hier ist, aber das habe ich im Herzen nur gesagt um euch ein gutes Gefühl zu euerer Heimat zu geben. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, habe hier 41 Jahre gelebt und will seit langem weg. Früher war es Los Angeles, zwischendurch Italien, Kroatien, dann wieder Italien als Hausmeister von Uli Tukur’s Weinberg, dann die Azoren und Gomera und dank Lisa, meiner großen Liebe, wird Neuseeland nun wirklich meine neue Heimat.

Und wie ich mich darüber freue, ich habe kein weinendes Auge, im Gegenteil ich halte es hier nur noch schwer aus. Ich sehe in dieser Stadt inzwischen nur noch seine grauen und schmutzigen Stellen, früher fand ich das charmant heute nervt es nur noch. Ich mag all die guten Menschen, die hier leben, ich mag meine Freunde sehr hier in dieser großen kleinen Stadt. Ich habe zwei sehr besondere Menschen kurz vor meiner Abreise kennenlernen dürfen, die ich gerne mitgenommen hätte. Thomas und Benni, ihr seid wirklich tolle ganz wunderbare Menschen. Danke für die viel zu kurze Zeit die wir noch gemeinsam hatten.

Auf eins möchte ich euch alle aber noch hinweisen, was mir besonders in den letzen Wochen aufgefallen ist. Es macht sich eine Angst in Berlin breit. Eine oder viele kleine Ängste – lasst das nicht zu. Bleibt mutig! Bleibt offen! Ich persönlich will weg von dieser Angst oder diesen kleinen Ängsten, die viele hier mit sich täglich rumtragen. Angst vor Ärger, den man bekommen könnte, Angst krank zu werden, Angst nicht genug zu haben, Angst vor der Zukunft. Man versichert sich, lieber zu viel als zu wenig, man schließt Türen besser fünfmal und gleichzeitig zu, man cremt sich ein, man hat nicht mehr nur abends Pfefferspray dabei und man trinkt lieber nichts mehr, weil man ja noch fahren muss.

Ich habe meine Koffer gepackt und lass vieles hier, auch diese Ängste. Ich hoffe ich vergesse auch irgendwann meine eigene angeborene typisch deutsche “Angst-vor-allem”, ich möchte sie nicht mehr haben, ich brauch sie nicht mehr. Ihr braucht sie auch nicht. Ihr müsst nicht selbst nach Neuseeland kommen, ihr müsst euch nicht mit unseren Schritten vergleichen und Gründe finden warum Ihr in Deutschland bleibt, aber bitte bitte lasst euch von unserem bisschen Mut und Offenheit anstecken und lebt. Trinkt auf Lisa und Ben und verschließt ab und an mal heimlich die Tür nicht ganz. Es tut euch gut. Ihr lebt!

Auf der Südinsel Neuseelands gibt es eine Gegend die einem lila-rosanem Meer gleicht. Lupinen soweit das Auge reicht. Erst letzte Woche ist mir dazu ein passender Absatz von Rilke in die Hände gefallen:

„Sagt dir nicht ein tief Verlangen, siehst du mich im weiten Feld stolz vor allen anderen prangen: Mutigen gehört die Welt!”

In keiner Generation waren es ängstlichen Menschen, die es nach Neuseeland verschlagen hat. Der Weg nach Neuseeland hat jeder Generation immer schon Mut und Überzeugung und Willen abverlangt. Der Weg ist weit und beachtlich. Das Land da unten ist das Land der Mutigen, das Land der Lupinen.

Viele Leute haben viele Dinge von mir, denkt an mich wenn ihr sie benutzt oder seht, Anja hat das Messer in ihrer Küche, was ich damals aus der Großküche meines Internats geklaut habe. Flo hat den Akkuschrauber, mit dem ich alles auf dem Boot auseinander und wieder zusammen geschraubt habe. Boris hat meine Kochbücher. Joachim lebt jetzt auf dem Boot. Es gibt mich nur noch in diesen Dingen, es gibt ab heute mich nur noch in euren Herzen. Alles andere lebt jetzt woanders.

Ihr guten Menschen, Ihr gehört hier auch nicht hin in diese Stadt der Angst, lasst es keine ängstliche Stadt werden, Berlin ist viel größer als das! Es war schön, dass ihr hier ward, als ich es noch war. Ich werde an euch denken und immer in mir haben. Genauso wie mein Berlin, meine Mutter aller Städte, sie wird wohl immer in mir bleiben, denn ich bin eine Berliner, ein echter. Mach es gut Berlin, Danke für alles, ich behalte deinen Schlag, aber meine Beine wollen nicht mehr mit dir laufen. Ich will dich aus dem Fenster kleiner werden sehen und es wird ein großer Schritt für mich sein. Bei dir, Berlin und bei euch wird alles weitergehen wie immer, nur ohne uns.

Ich fliege jetzt zu meiner Frau, die mich mit offenen warmen und liebenden Armen in unserem neuen Leben empfangen wird. Sie braucht mich und ich brauche sie. Bei ihr bin ich zu Hause, nicht mehr hier. Ich habe es geschafft, es ist vorbei. Ich kann mein Glück nicht fassen.

Ben.

 

Anmerkung von mir: Danke dir, mein Schatz, für deine Worte. So offen und ehrlich. Wie gut. Jetzt sitzt du gerade jetzt im Flieger und wirst in ca. 25 Stunden hier ankommen. Ich kann mein Glück nicht fassen und verstehe noch nicht ganz, dass diese 3,5 Monate in denen wir uns nicht gesehen und durch Zeitverschiebung zu festgelegten Telefonzeiten gezwungen waren, nun tatsächlich vorbei sein soll. Ich freue mich so sehr! Mein Herz tanzt!

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