Von außen nach innen.

Meine äußeren Umstände haben sich ja wohlbekannt dramatisch geändert, indem ich ans andere Ende der Welt gezogen bin. Nicht nur das, sondern haben mein Mann und ich auch unser geliebtes schwimmendes Zuhause verkauft. Ich habe Freunde, Familie und allerlei anderes geliebtes dort in Deutschland gelassen und bin in die Welt hinausgezogen. Manchmal fühlt sich das nach Pipi Langstrumpf an. Ich liebe Pipi. Sie ist frei und wild und wunderbar. Ich bin gerne wie Pipi. Oft bin ich es aber nicht. Denn da ist die echte Welt. Die besteht natürlich auch hier aus Alltag, Arbeit und hier und da auch eben mal der ein oder anderen Nerverei. Im Großen und Ganzen bin ich aber so Busy, dass mir das nichts ausmacht und so glücklich, dass ich mich auf keinen Fall beschweren kann. Es ist eben nur unheimlich viel passiert in der letzten Zeit.

Um meinem inneren Spiegelbild, das ab und zu eben doch mal überwältigt sein kann, und aber auch meiner vernachlässigten körperlichen Fitness gerecht zu werden, habe ich beschlossen, etwas für Körper, Seele und Geist zu tun. Nach der Hochzeit im September hab ich einfach keinen Sport mehr gemacht und wieder normal gegessen. Das eben dann auch wieder zu „Normalgewicht“ führt. Alles nicht so wild, aber eben auch nicht ganz so, wie ich es gern hätte. Egal. Gesagt, getan!

Mein erster Ausflug in der letzten Woche führte mich am Donnerstag Abend nach Ponsonby (der Prenzlauer Berg Aucklands). Hier findet man eine Filiale von Lululemon, das ist ein Active Wear Hersteller, der in seinem Laden nicht nur schicke Sportklamotten verkauft, sondern auch ab und an Yogakurse oder ähnliche Veranstaltungen abhält. Am Donnerstag gab es eine Mindfulness-Session. Ich habe das Wort zwar vorher schonmal gehört, mich aber nie tiefergehend damit beschäftigt. So starte ich direkt vom Büro aus mit einem UBER (ja, das gibt es hier und man benutzt es sehr rege) Richtung Zentrum.

Als ich an dem Shop ankomme, werde ich von fröhlich lächelnden, sehr fotogenen, Blogger-ähnlichen, sehr sportlich gekleideten Menschen in Empfang genommen. Im Raum sind dicht an dicht Yogamatten ausgelegt, Kerzen brennen und es duftet nach irgendwas Tollem. Im Hintergrund läuft leise Loungemusik. Und ich? Ich hab ’ne Jeans an. Nun ja, das wird schon in Ordnung gehen, denke ich mir und quatsche kurz mit der Gasgeberin Abby. Sie sagt keen Ding, babe. Sie sagt wirklich „babe“. BABE! ZU JEDEM!!! Ich fühle mich äußerst fehl am Platze und muss mich sehr bemühen, die Stimme in meinem Kopf zu ignorieren, die mich anschreit: „Geh! Lauf! Das ist doch Mist! Was für ein durchgestylter Haufen Instagrammer, hier gehörst du nicht hin. Zeitverschwendung!!!“

#amarsch #ihrseidallesounglaublicheso #manträgtkeinmakeupbeimsport #activewearistdieneuejogginghose #hashtag

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde erklärt Abby (so heißt das zarte Wesen) was wir heute machen:

  • Was ist Mindfulness
  • geführte Atemübung
  • Was ist Gratitude
  • leichte Yogaübung.

….Nnnnnagut.

Mindfulness beschreibt kurzgesagt die Anwesenheit des Bewusstseins im Hier und Jetzt. Man macht sich eine aktuelle Tätigkeit und Situation/einen Raum vollkommen bewusst, ohne an die Zukunft bzw. die Vergangenheit zu denken. Das kann eine Meditation, Geschirrspülen oder Kinder ins Bett bringen sein. Egal. Hauptsache man ist voll da. Ohne gleichzeitig seine Emails zu checken oder sonstwas nebenbei zu machen. Easy. Oder?

Während der Atemübung wird mir bewusst, wie schwierig es ist, den Alltag auszublenden. Meine Gedanken rauschen von rechts nach links, von gestern nach morgen und verweilen maximal ein paar Sekunden im aktuellen Moment, weil ich versuche den Faden nicht zu verlieren. Abby stellt Fragen im Monolog und leitet so durch die Übung. Wofür sind wir besonders dankbar? Was ist gut oder schlecht in unserem Leben? Wen lieben wir besonders? Wer kann genau jetzt ganz viel Liebe gebrauchen? Wer in unserem Umfeld steckt in der Vergangenheit fest und kann sich daraus nicht lösen? Wer ist zusehends mit der Zukunft beschäftigt und rennt vielleicht Dingen hinterher, die er erreichen möchte und vergisst dabei alles um sich herum? Wem möchten wir gute Gedanken schicken und was können wir für uns selbst tun? Was fehlt uns? Was macht uns traurig? Was macht uns froh? Usw.

Eine innere Stimme flüstert mir weiterhin unentwegt ins Ohr: „Was für ein Schwachsinn… Steh auf und geh. Das ist doch alles Blödsinn, das bist du nicht. Und außerdem hast du ’ne Jeans an und alle starren dich bestimmt an, während du hier albern mit deinen geschlossenen Augen sitzt und denkst du meditierst. Pfff. Was für eine Zeitverschwendung.“ Das Unterbewusstsein allerdings beantwortet die mir soeben gestellten Fragen und schickt mir zum Teil recht drastische Antworten vor mein inneres Auge. Hier und da muss ich den Kloß im Hals wegatmen oder erwische mich auch dabei, wie ich breitgrinsend mit geschlossenen Augen an eine geliebte Person denke. Ich beschließe, die griesgrämige Stimme im Kopf beiseite zu schieben und mich auf das Ganze einzulassen. Ich bin so weit gekommen, wieso nicht auch mal sowas ausprobieren. Jetzt bin ich mittendrin und es wäre wirklich scheiße jetzt aufzustehen und zu gehen. Gleichzeitig versuche ich nicht in Tränen oder auch lautes Lachen auszubrechen. Gar nicht unbedingt, weil alles so unfassbar schlimm, traurig oder lustig ist, sondern weil extrem viel Gefühl plötzlich in mir hochschwappt. Kein Wunder denke ich mir. Muss ja irgendwo hin….

Nach der Übung fragt Abby, was wir gefühlt haben. Ich sage nichts, da mir immer noch ein kleiner Kloß im Hals steckt. Zu meiner Erleichterung sagen die anderen genau das was ich denke: Es ist überwältigend sich darauf einzulassen. Und fast ein bisschen zu viel. Abby nickt verständnisvoll und sagt: „Es ist eine Übung. Man wird besser daran. Am Anfang kann es sehr überwältigend sein. Weil man es nicht gewohnt ist.“ Puh. Das tut gut zu hören. Alle stimmen dem zu und hier und da sehe ich erleichterte Gesichter.

Die Session geht weiter und endet in einer leichten und kurzen Yoga-Übung. Ich bin fasziniert von dem Einklang zwischen Bewegung und Atmung. Als Teenager habe 12 Jahre Ballett gemacht und bin mir durchaus darüber bewusst, wie sehr die richtige Atmung die körperliche Kraft und Ausdauer unterstützen kann. Ich genieße die fließenden Bewegungen und lasse mich von Abby’s weicher Stimme leiten. Hach……

Beschwingt verabschiede ich mich von der Gruppe und fahre nach Hause. Aucklands Küste bietet mir seinen allerschönsten Sonnenuntergang auf dem Weg und ich schwelge weiter in meinen Gedanken. Ich fühle mich leicht. Was für eine schöne Erfahrung. Da will ich dran bleiben. So buche ich direkt für den Samstag eine Yogastunde für Anfänger Inder Nähe von St. Heliers. Ab in den Anfängerkurs! mal schauen, was mich da so alles erwartet und ob es mir überhaupt weiterhin gefällt. Ich bin gespannt und nehme mir vor, mich wieder mit dem Thema zu beschäftigen. Bleibt dran!

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