Noch 6x schlafen.

Nur noch 6x schlafen und dann steige ich in den Flieger nach Neuseeland. ONEWAY. Es ist immer noch unglaublich und fühlt sich nach wie vor mehr wie Urlaub an. Dass ich ERSTMAL nicht wiederkomme und mir mein Leben dort aufbauen werde, ist so ein grenzenloser Gedanke, dass er gar nicht in meinen kleinen Kopf passt.

 

Trotz allem: Ich freue mich! Ich freue mich sogar sehr! Pausenlos werde ich gefragt, ob ich denn nicht aufgeregt sei bzw. ob ich nicht TRAURIG sei. Es ist, als ob das von mir erwartet würde und es unabdingbar wäre, wenn man einen solchen Schritt geht. Natürlich ist es irgendwie traurig hier alles zurück zu lassen. Ich gehe nicht (nur), weil hier alles so schlecht ist. Ich gehe, weil ich etwas anderes ausprobieren möchte, von dem ich denke, dass es mich glücklicher macht als ich hier sein kann. Um mich selbst zu verwirklichen. Außerhalb Berlins/Deutschlands, das es mir schwer macht, ein kreatives Individuum zu sein. Jede Idee, die hier geboren wird, stirbt quasi noch im Mutterleib, da irgendein anderer Mensch schneller war oder die Idee bereits veraltet ist, wenn man sie ausspricht.

 

Ja, ich freue mich und eventuell enttäusche ich damit Menschen, die tatsächlich traurig über meinen Weggang sind. Hierzu kann ich nur sagen: Ich werde euch alle unfassbar vermissen. Natürlich werde ich das! Ich weiß aber auch, dass wir uns alle wiedersehen. Hier oder in Neuseeland. Früher oder später.

Es klingt ein bisschen blöd, aber wenn man einmal die Reise nach Neuseeland gemacht hat, erscheint sie einem nicht mehr so überwältigend. Die lange Flugdauer, die Entfernung. Wie sagte ein Freund: „Einsteigen, Kopfhörer auf, 20 Filme gucken und schon ist man da.“ Geht schlimmer.

 

Ich freue mich und möchte kein schlechtes Gewissen deswegen haben. Dazu hab ich mich entschlossen. Alles andere wäre doch auch furchtbar, oder? Wie schlimm wäre es, wenn ich einen solchen Schritt gehen würde, ohne ihn zu wollen? Wäre Trauer nicht ein Zeichen, dass ich eine falsche Entscheidung getroffen habe? Ich werde Rotz und Wasser heulen – spätestens am Flughafen und ich werde aufgeregt sein, wie ein Kindergartenkind vor der Einschulung. Aber ich werde mich trotzdem freuen. Auf das was kommt. Auf mein neues Leben.

 

Hinzu kommt, dass ich ganz froh bin, dass ich noch nicht soooo aufgeregt bin. Mein dummer Körper verwechselt Aufregung ja leider zu oft mit Panik und die kann ich nun wirklich nicht gebrauchen.

 

Meine Abreise wird eine Art Ruhepause. So eine Auswanderung ist anstrengend und langwierig in der Planung. Es ist nun ein Jahr vergangen, in dem wir ununterbrochen dafür gearbeitet haben. Es ist kein Tag vergangen an dem nicht irgendetwas organisiert, besorgt, geschrieben, beglaubigt, verschickt, genehmigt, geräumt, verpackt, bestellt, unterschrieben oder bezahlt werden musste. Der ganze Prozess bringt einen manchmal an seine Grenzen – mental, konditionell und finanziell. Hätte ich meinen geliebten Ehemann nicht an meiner Seite gehabt, weiß ich nicht, ob ich immer wieder die Kraft gehabt hätte, den nächsten Schritt zu gehen. Man kann sich nicht auf ein solches Abenteuer vorbereiten. Man kann nur die Leinen lösen, sich treiben lassen und aufmerksam sein.

 

So viele Schritte haben wir in diesem letzten Jahr gemacht. Von der ersten Vorreise vor einem Jahr, die ersten Kontakte knüpfen, einen Job besorgen, Anträge stellen, Englisch- und Gesundheitstests machen, noch mehr Anträge stellen, Unterlagen suchen, meistens finden, übersetzen und beglaubigen lassen, kopieren, verschicken, Rechnungen bezahlen, timings überlegen, Makler auswählen, unser Hausboot zum Verkauf anbieten, renovieren, fotografieren, Besichtigungen machen, letztendlich den Verkauf besiegeln. Das Visum erhalten, Freunde und Familie besuchen, Dinge aussortieren, Sachen kündigen wie Telefon, Versicherungen, Konten und sonstige Verträge (man hat unglaublich viele Verträge!!!), wegschmeißen, packen, Lager auswählen, Container packen, wieder Rechnungen bezahlen. Häuser gucken. Häuser nicht kaufen. Wieder Häuser gucken. Abwarten. Ach ja und noch kurz heiraten zwischendurch. Das haben wir auch noch gemacht. 🙂

 

Wir haben so viel tolle Unterstützung bis hier her erhalten und konnten uns an vielen Stellen des Auswanderungsprozesses glücklich schätzen, dass uns unzählige gute Fügungen, Profis mit Kniffen und Tricks und einfach auch ein bisschen Glück auf dem Weg begleitet haben. Ich kann jedem, der diesen Weg gehen möchte nur den guten Rat unseres Immigration Advisers weitergeben: Man muss es wirklich wollen. Denn sonst führt er kleinste Zweifel an den ersten Unebenheiten zum Stolpern. Recht hat er.

 

Noch 6x schlafen. Noch 6 Nächte auf unserem geliebten Hausboot. Danach erstmal Couch oder Zelt oder WG-Zimmer oder Campervan – wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Die Ungewissheit macht mir keine Angst und darüber bin ich froh.

 

Die Vorstellung in einer Woche in der Sonne am Meer zu sein und nicht mehr das graue Berlin vor der Nase zu haben, ist irgendwie noch weit weg. Zu nass und kalt ist es draußen. Frau Holle hat extra noch eine Schippe Schnee für mich vom Himmel fallen lassen, bevor ich den erstmal nicht mehr zu Gesicht bekomme. Danke, Frau Holle. Jetzt kann ich ja ruhigen Gewissens gehen.

 

Meine Koffer sind bereits gepackt, selbst mein Handgepäck steht bereit, Flüssigkeiten sind in kleinen Behältern in einen Ziplockbeutel gefüllt, die Schlabberklamotten für die Reise liegen bereit. Jetzt bleibt Zeit für ein bisschen Ruhe. Die Ruhe nach dem oben beschriebenen Sturm. Und die Ruhe vor dem vor mir liegenden Sturm. Ich fahre nämlich NICHT in den Urlaub. Ich werde arbeiten, eine andere Spreche sprechen (und das den ganzen Tag – man unterschätzt wie anstrengend das sein kann), Menschen kennenlernen, noch mehr organisieren, stolpern, mich aufrappeln, weiterlaufen. Und dann werde ich alles Bekannte vermissen. Die Einschläge werden später kommen. So kenne ich mich. Wenn ich das Bedürfnis haben werde MAL EBEN meine Freunde oder meine Familie zu sehen. Wenn meine jetzt schwangeren Freundinnen ihre Babies bekommen und ich nicht einfach vorbei fahren kann. Wenn ich allein meinen Geburtstag feiere.

Ein Hoch auf die Globalisierung und die Digitalisierung. WENN sie etwas Gutes hat, dann, dass sie mich in genau solchen Situationen über die Entfernung hinwegtrösten wird. Zumindest ein bisschen.

 

 

 

 

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2 Antworten auf „Noch 6x schlafen.

  1. Danke für die Gänsehaut, für das Teilhabenlassen, für dein offenes und mutiges Herz und all‘ diese kleinen Gedankenperlen, die ich mir für heue um den Hals legen und tragen werde wie ein wertvolles Erbstück. Ich fiebere mit, ja, das tue ich. Und ich sehe nicht den leisesten Grund, warum du dich schlecht fühlen müsstest. Du verwirklichst dich selbst, und jeder der dich liebt, wird genau das für dich wollen. Flieg, kleine Lisa, flieg! ❤

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